GAUTSCHI



Siehe Gueissaz Nr. 3724, 6098, Kapitel 2/2 (Gueissaz), Junod 12856, eine ungemarkte Spieldose mit Engerln in allen vier Bordüren, und das ungemarkte, Bremond zugschriebene Werk Nr. 9562



1.) Christian Gautschi

1.) Christian Gautschi war einer der vielen Spielwerkhersteller in Genf, die vor allem ungemarkte Werke herstellten. Er hatte einen jüngeren Bruder, den 1846 geborenen Heinrich Gautschi.


2.) C. Gautschi & Comp., Philadelphia 1876–1885

Die Geschichte dieser Firma beginnt mit dem Bruder des späteren Firmeninhabers Christian Gautschi, Heinrich (Henry) G. Dieser wurde am 14. März 1846 in St. Croix, Schweiz geboren. Im Jahr 1865 heiratete G. die um neun Jahre ältere Christina Schneider. Noch im selben Jahr wanderte das Ehepaar in die USA aus, und zwar nach Pittsburgh, wo die Heinrich, nunmehr Henry G. einen Tabakladen eröffnete. Das Ehepaar hatte vier Töchter und drei Söhne: Annie, Henry jr., William, Flora, Ida, Robert und Bertha.

1873 ging Gautschi mit seinem Tabakladen bankrott und kehrte nach St. Croix zurück, wo er Knecht bei einem Bauern wurde.

Henry G. hat offenbar seinen älterer Bruder, Christian Gautschi, Spielwerkhersteller in Genf, davon überzeugen können, dass man in den USA viel Geld mit Spielwerken verdienen kann. Anders ist es nicht zu erklären, dass Christian G. beschloss, eine Niederlassung seiner Firma in Philadelphia zu gründen und seinen Bruder als deren Geschäftsführer einzusetzen. So kehrte Henry Gautschi im Jahr 1876 nach Philadelphia zurück und eröffnete im Namen seines Bruders die Firma C. Gautschi & Company in Philadelphia in der Chestnut Street 1020. Allein bis 1880 konnte er fast 10.000 Spielwerke verkaufen.


3.) Heinrich (Henry) Adolph Gautschi, 1846–1901:
Firma H. Gautschi and Sons (1884-1901)

Im Mai 1884 brach Henry mit seinem Bruder, trat als Geschäftsführer der Firma C. Gautschi & Company zurück, und eröffnete eine eigene Spielwerkfabrik H. Gautschi and Sons – wobei seine drei Söhne erst 14, 12, and 5 Jahre alt waren – in der Chestnut Street 1030, also nur fünf Häuser entfernt vom Geschäft seines Bruders.

Henry Gautschi & Sons


Der „music box war“

13 Monate später, im Juni 1884, entschied Henry Gautschi den „music box war“, der zwischen den beiden Brüdern tobte, für sich: Die brüderliche Firma C. Gautschi & Company wurde aufgelöst.


1887 berühmte Henry sein Geschäft als „the largest stock of interchangeable music cylinders in the world“ und eröffnete auch noch eine eigene Reparaturwerkstätte:


Geschäftskarte


Sticker der Firma Gautschi auf dem tune sheet eines ungemarkten, mit der Nr. 3131 versehenenen Spielwerkes (entweder aus der Firma des Bruders Christian oder nach dem music box war von einem anderen Schweizer Herstellers)


1889 und 1892 reichte G. um Patente ein, welche die Herstellung von Spielwerken betrafen, und erhielt sie auch


Geschäftskarte um 1890 (Vorderseite)
mit dem Eingangsportal des Geschäftes
(unter „XES“ von „musical boxess“)


Henri Gautschi senior und junior im Eingangsportal des Geschäftes



Geschäftskarte um 1890 (Rückseite)




Nr. 1, ranz de vaches, siehe das Kapitel Kuhreigen (bitte klickesn)



Nr. 3, Grandfathers Clock, von Henry C. Work, erschien erstmals 1876


Die auffällige und audwändige Signatur des Schlosses versprach eine gediegene Verarbeitung der gesamten „music box“


1889 und 1892 erhielt Henry G. die Herstellung von Spielwerken betreffende Patente.


Im Jahr 1895 wurde Henry Gautschi der offizieller Händler der Regina Music Boxes (Plattenspielwerke) und konnte damit einen beträchtlichen finanziellen Erfolg erzielen.

1887: Tod des Sohnes William Gautschi mit 15 Jahren.

1891: Übersiedlung in die W. Highland Avenue 208 in Chestnut Hill.

1892: Tod von Christina Gautschi. Henry Gautschi nahm 1893 eine Köchin in seinen Haushalt auf, die 34-jährige Anna Pesendorfer, die 1848 in Wien geboren war. Sie hatte 1873 Louis Pesendorfer geheiratet, der knapp nach der Geburt ihres Sohnes Jacob am 20. Mai 1874 starb. Anna Pesendorfer war1889 alleine von Wien nach Philadelphia ausgewandert, und ließ ihren 14 Jahre alten Sohn, einen Lehrling bei einem Wiener Schmied, in der Kaisermetropole mit dem Versprechen zurück, ihn bald nachkommen zu lassen.

1894: Anna Pesendorfer schickte ihrem nunmehr 20-jährigen Sohn Jacob Pesendorfer das Geld für die Überfuhr nach Amerika, der im nahe gelegenen Berlin, New Jersey, USA, einen Arbeitsplatz als Maschinist fand. Jacob besuchte seine Mutter jedes Wochenende in Chestnut Hill, und so lernte er Annie, Henry Gautschis um sechs Jahre ältere Tochter, kennen, die ihm Englisch-Unterricht erteilte. Da Annie trotz eines väterlichen Gebotes, eine sich entwickelnde Romanze zwischen den beiden zu beenden, missachtete, entließ er seine Köchin, Anna Pesendorfer.

1896 heiratete Jacob Pesendorfer seine Annie Gautschi und die beiden zogen nach Audubon, New Jersey. Annie wurde bald schwanger. Henry Gautschi bewirkte die Entlassung Jacob Pesendorferss, was er auch bei seiner nächsten Dienststelle wiederholte, sodass das junge Ehepaar in beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten geriet.

Am 27. März 1897, sechs Wochen vor ihrer Niederkunft, machte Henry Gautschi seiner Tochter ein sehr großzügiges finanzielles Angebot und versprach ihr ein Vermögen zukommen zu lassen, wenn sie zu ihm zurückkehrt. Wenn sie bei ihrem Mann bliebe würde sie nichts erhalten. Noch am selben Abend verließ Annie die eheliche Wohnung in Audubon und kehrte zu ihrem Vater zurück.

Am 2. Mai 1897 wurde Annie von einem Sohn entbunden, Raymond Gautschi Pesendorfer. Dem Vater Jacob wurde es verwehrt, seinen eigenen Sprössling zu sehen.

1900: An einem glühend heissen Sommertag versuchte Jacob seinen Sohn Raymond zu entführen. Die Polizei war schnell am Tatort und konnte gerade noch verhindern, dass Jacob Pesendorfer seinen Schwiegervater Henry Gautschi ums Leben brachte. Einer Verurteilung entging Jacob nur durch das Versprechen, sich in Zukunft von den Gautschis fern zu halten.

Am 4. September 1901 nahm Jacob Pesendorfer Rache. Mit den Worte „Now it is my time!“ eröffnete er das Feuer auf Henry Gautschi und fügte ihm schwere Verletzungen zu, denen er vierTage später erlag. Pesendorfer ließ sich widerstandslos festnehmen und wurde zum Tod verurteilt. Diese Strafe wurde schließlich in eine lebenslange Haft umgewandelt. Damit endet die Geschichte der Firma Henry Gautschi. Die nun folgenden Zeilen sind dem weiteren Schicksal des aus Wien stammenden Mörders gewidmet, der sich, wie gleich ausgeführt wird, noch einmal ins Leben zurückkämpfte.


Jacob Pesendorfer (1901)


Das weitere Schicksal
des Mörders von Henry Gautschi, Jacob Pesendorfer

Am 14. Juli 1902 wurde die Ehe amtlich geschieden, Annie nahm wieder ihren Mädchennamen an und gab Raymond zur Adoption frei. Sie verheiratete sich neu, bekam zwei weiteren Kinder. Im Jahr 1930, also in ihrem 62. Lebensjahr, wurde sie für dement erklärt und musste in ein Heim eingewiesen werden, in dem sie 1939 in geistiger Umnachtung starb.

1914 bot sich der Häftling Jacob Pesendorfer an, eine große Uhr für den Uhrturm zu bauen. Er reichte ein Patent ein, und erhielt schließlich den Auftrag, die Turmuhr zu bauen. Drei Jahre später vollendete er das Werk und erhielt viel Anerkennung. Daraufhin wurden ihm 18 weitere Häftlinge beigestellt, damit er vom Gefängnis aus weitere Waren herstellen konnte. 1926 wurde Jacob Pesendorfer anlässlich der Weihnachtsamnestie begnadigt. Die Associated Press meldete damals: „Pesendorfer is a most unusual man and the only one of his type in the prison. He has the universal respect of guards and prisoners. In a way, we will be sorry to see him go.“ Jacob Pesendorfer konnte sich von der Lohnnachzahlung, die er anlässlich seiner Entlassung erhielt, ein Grundstück in West Berlin, New Jersey, USA, kaufen. Dort erbaute er eine Fabrik, in der er plante, ehemalige Sträflinge zu beschäftigen. Bereits 1928 hatte er 15 Angestellte, die Radiogehäuse, Modellschiffe, Humidors und Schmuckkassetten etc. bauten. Im Jahr 1929 wurde seine 81-jährige aus Wien stammende Mutter senil und musste ebenfalls in ein Heim eingewiesen werden. Gegen Jahresende heiratete er die ungarischstämmige Margaret Steffan Cleve. Seine Holzwaren-Fabrik betrieb Jacob Pesendorfer bis in sein 76. Lebensjahr, bis zum 17. Oktober 1950. Seine Frau Margaret starb am 15. Juli 1956, Pesendorfer selbst am 2. April 1962.

Quelle: https://www.facebook.com/PhiladelphiaStoriesbyBobMcNulty/?__tn__=K-
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Siehe bei Franz Budik